Das Alter Ego als Sprachrohr

Das Alter Ego als Sprachrohr

«Zwei Seelen wohnen, ach! In meiner Brust.» Was Faust in Goethes gleichnamigem Werk sagt, trifft für viele Künstler zu. Zumindest für die Rapper. Alexander Senn tritt regelmässig unter seinem Künstlernamen «Sennetti» auf. Sennetti ist dabei nicht nur eine Kunstfigur, er ist vielmehr ein Sprachrohr – kritisch, vergleichend und vor allem spontan.

Alex Senn rechnet nicht in Zeilen, er rechnet in Bars – die Zeilen im Rap-Text. Das sagt ihm, wie viel Zeit er im Stück für seine Texte zur Verfügung hat. Wann setzt er ein? Wie lange darf er reden? Das hängt vom Beat ab. Wenn er als Sennetti auftritt, ist vieles geplant, organisiert, fixiert. Er plant seine Auftritte in Eigenregie. Mit viel Hingabe, Freude und Zeitaufwand. Aber wenn er auf der Bühne steht, der Beat beginnt und sein Einsatz naht, rappt er spontan. Er rappt, ohne einen Text vorbereitet zu haben – als Freestyle. So, wie ihm an diesem Tag der Schnabel gewachsen ist. Immer mit Inhalt, immer im Reim.

«Mich faszinieren am Rap die Wort-Akrobatik, das Sprachgefecht und das Pro und Kontra, das Auf und Ab. Dabei muss der Text den Zuhörern das Grinsen ins Gesicht treiben!», schwärmt Alex. Den Künstlern geht es beim Rappen um den Spass und um die Freude an der Sprache. Aber Künstlern wie Sennetti geht es nicht nur darum: Sie wollen darüber hinaus eine vernünftige Botschaft vermitteln, um ihren Beitrag an unseren moralischen Kompass zu leisten. So wird aus Alex Senn auf der Bühne «Sennetti, das Sprachrohr», das kritische Fragen stellt, sie selber beantwortet oder uns die Fragen beantworten lässt.

Inspiration aus der Grossstadt

Woher holt sich Alex die Inspiration für seine Fragen? Er beobachtet die Servierdame beim Kaffeeverschütten, den über seiner «20 Minuten»-Zeitung eingenickten Pendler in der S-Bahn und die Bankerin am verregneten Paradeplatz beim Abbrechen ihres angerissenen Absatzes. «Der Grossstadtdschungel bietet mir genug Inspiration für meine Song- und Slam-Poetry-Texte», erklärt der gebürtige Deutsche. Alex hat an der renommierten Kingston-Universität in England studiert. Und von Kingston aus hat er in Spanien ein Auslandssemester belegt. Die Geschichten für seine Texte holt er von den Menschen, die sie erleben, und verfasst sie für die Menschen, die sie brauchen. Und er hat schon einige Seiten von ganz unterschiedlichen Menschen kennengelernt: die Seiten von Deutschen, Schweizern, Spaniern, Engländern und Engländern in Spanien.

Porträt: Ralph Kohler, Schweizerische Text Akademie, 21.3.2013

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