Das verständliche Schreiben als Rezeptsammlung

Das verständliche Schreiben als Rezeptsammlung

Man nehme etwas Logik, schreibe präzise Sätze und würze den Text mit genügend Anreiz. Martin Radtke weiss, wie er verständliche Texte zubereitet – er hat die Schreibwerkstatt mit sehr gutem Erfolg absolviert.

Interview: Ralph Kohler, Schweizerische Text Akademie, 12.07.2012

Text Akademie: In der Schreibwerkstatt haben Sie die Verständlichkeitsregeln kennengelernt. Prof. Dr. Ivo Hajnal und Franco Item machen die Erfahrung, dass die Studierenden mit der Zeit diese Regeln automatisch anwenden. Im Prinzip wie das Kuppeln, Bremsen und Gas geben beim Autofahren.

Martin Radtke: Ich verstehe das Gelernte als eine Art Rezeptsammlung. Wer als Kind das erste Mal Pfannkuchen macht, hält sich streng an die Vorgaben im Kochbuch. Sonst gelingen die Pfannkuchen nicht. Je öfter ich Pfannkuchen mache, desto weniger häufig muss ich im Kochbuch nachsehen. Bald brauche ich kein Kochbuch mehr. Ich bin so routiniert, dass ich mit den Zutaten variieren kann. Die Pfannkuchen schmecken jetzt besonders gut. Und beim ersten Bissen wissen alle, dass ich sie zubereitet habe – und niemand anders. Beim Schreiben erlebe ich das ebenso: Mit jedem Text, den ich schreibe, gewinne ich an Routine.

Text Akademie: Sie führen Ihre eigene Kommunikationsagentur. Wo und wie wenden Sie die Erkenntnisse in Ihren Texten an?

Martin Radtke: Bei Mitteilungen, Online-Texten, Berichten für die Geschäftsleitung, selbst bei E-Mails. Kürzlich habe ich eine interne Mitteilung geschrieben und die Regeln angewendet. Wie bei uns üblich, habe ich den Text vor dem Versand einem Arbeitskollegen zum Gegenlesen vorgelegt. Er hat den Text gelesen und mich dann gefragt: «Müssen wir das so deutlich sagen?» Offensichtlich wirkt das Gelernte.

Text Akademie: Mit «das Gelernte» meinen Sie die Verständlichkeitsregeln. Haben Sie einige dieser Regeln schon vor dem Unterricht gekannt und angewendet?

Martin Radtke: Die Kommaregeln habe ich gekannt. Die Diskussion über Synonyme und über die passiven Wendungen sind für mich hilfreich gewesen. Neue Erkenntnisse habe ich zudem über die Anwendung der Zeitformen gewonnen. Kurz: Die Schreibwerkstatt baut auf Bekanntem auf und vermittelt viel Neues.

Text Akademie: Sie haben in der Schreibwerkstatt mit dem Studienbuch «Schreiben und Redigieren – auf den Punkt gebracht!» gearbeitet. Wie hat das Buch Ihre Ansicht vom verständlichen Schreiben verändert?

Martin Radtke: Ich schreibe bewusster. Und ich lese bewusster. Für Arbeitskolleginnen und -kollegen ist das manchmal anstrengender, denn jetzt schaue ich genauer auf die Texte als vorher. Das bedeutet mehr Aufwand. Doch am Ende profitieren die Leserinnen und Leser von leicht verständlichen Texten.

Text Akademie: Wie möchten Sie sich – aufs Schreiben bezogen – weiterentwickeln?

Martin Radtke: Neben meinen anderen Aufgaben will ich für mein Unternehmen weitere Beiträge verfassen, die gerne gelesen werden.

Martin Radtke ist heute selbständiger Kommunikationsberater. Vorher war er Leiter Crossmedia bei der SBB Cargo. Zudem hat er im Jahr 2014 den MAS Corporate Writing & Publishing an der HWZ Hochschule für Wirtschaft Zürich absolviert.

www.martinradtke.ch
Martin Radtke’s Leitfaden zu Crossmedia-PR

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