Interview mit Christine Kopp: Ein gutes Sprachgefühl verlangt harte Arbeit

Interview mit Christine Kopp: Ein gutes Sprachgefühl verlangt harte Arbeit

Wer gut schreiben will, braucht ein gutes Gefühl für die Sprache. Und gute Selbsterkenntnis. Autorin und Redaktorin Christine Kopp verfügt über beides. Sie erzählt , wie sie Schreibblockaden überwindet, Texte plant und Spannungsbögen erzeugt.

Interview: Ralph Kohler, Erstveröffentllichung: 18.9.2012

Text Akademie: Sie sind eine erfolgreiche Autorin und Redaktorin für die Themen Alpinismus und Tourismus. Welchen Rat geben Sie als Expertin im Studiengang CAS Corporate Writer den Schreibern von Reportagen?

Christine Kopp: Sehr viel lesen! Anhand von guten Texten entwickelt man das eigene Sprachgefühl – dieses ist von grundlegender Bedeutung. Beim Lesen sollte man zu verstehen versuchen, warum ein Text funktioniert oder eben nicht. Warum er fesselt oder warum er langweilig wirkt. Schreiberinnen und Schreiber müssen Texte analysieren. Gut schreiben «kann» man nicht einfach, es steckt Arbeit dahinter. Aber auch die Fähigkeit zur Selbstkritik sowie der Mut, Texte anderen vorzulegen und dabei auch harte Kritik zu riskieren. Das gute Sprachgefühl muss zudem in Verbindung stehen mit einer soliden Basis – dem handwerklichen Rüstzeug: Grammatik inklusive Interpunktion und Kommaregeln, Vokabular, Präzision und Logik.

Text Akademie: Sie haben vor einem Jahr Ihr Buch «Betsy Berg» veröffentlicht. Ein Buch mit 41 Geschichten über eine leidenschaftliche Berggängerin. Woher holen Sie die Inspiration für solche Geschichten?

Christine Kopp: Aus meinem Alltag. Es sind Geschichten, die ich teilweise selbst erlebt habe oder die mir zugetragen worden sind. Die Berge und die damit verbundene «Szene» bilden die Welt, in der ich mich am meisten bewege – privat und für meinen Beruf als Redaktorin. Die Ausgangspunkte sind Episoden, Momentaufnahmen, manchmal Gedanken, die ich mir zu einem Trend oder einem Phänomen mache. Das Spannende dabei ist, meine Gedanken in eine für den Leser interessante, witzige Form zu bringen. In eine Form, mit der er sich identifiziert.

Text Akademie: Stichwort Schreibblockade: Wie haben Sie Schreibblockaden bei «Betsy Berg» überwunden?

Christine Kopp: Ich habe die Geschichten nicht an einem Stück geschrieben; sie entwickelten sich über eine längere Zeit. Das letzte Drittel des Buchs entstand allerdings in wenigen Tagen in einer Art selbstgewählter Klausur. Alles lief rund, die Inspiration fehlte nicht, obwohl oder gerade weil es mir in jener Zeit nicht gut ging. Das Schreiben war heilsam – ein schöner Moment. Natürlich habe ich manchmal Blockaden – die innere Anspannung nimmt dann zu. Dann lenke ich mich mit anderen Tätigkeiten ab. Nach über 20 Jahren Schreiberfahrung kenne ich mich gut und weiss, was in mir abläuft und wie viel Druck ich aushalte. Ich mache mir auch selbst viel Druck, weil ich absolut zuverlässig arbeiten und nichts zu spät abgeben will. Wenn ich mich dann hinsetze und schreibe, merke ich oft, dass ich mich unbewusst schon sehr intensiv mit dem Text befasst habe. Dann fällt das Schreiben leicht.

Text Akademie: Ein bekanntes Sprichwort lautet: Gut geplant ist halb gewonnen. Wie haben Sie die Texte für «Betsy Berg» geplant?

Christine Kopp: Am Anfang waren die Betsy-Berg-Geschichten Kolumnen für die Neue Zürcher Zeitung. Hinter jeder Kolumne stand eine gewisse Recherchearbeit, aber ich hatte noch keinen Gesamtplan. Als ich wusste, dass ich sie zu einem kleinen Buch ausbauen würde, fing ich an zu planen: Ich bestimmte die Anzahl der Geschichten, wählte die Themen aus und definierte, wie und wohin sich Betsy entwickeln würde. Mit diesen Überlegungen ging ich gezielt auf Recherche. Vom recherchierten Material brauchte ich schliesslich nur einen Teil – und manchmal war es nicht leicht, nicht zu viel in die Texte hineinzupacken.

Text Akademie: Jede gute Geschichte hat eine gute Dramaturgie. Wie haben Sie die Spannung in den Betsy-Berg-Geschichten aufgebaut?

Christine Kopp: Die Dramaturgie in den Geschichten gestalte ich immer gleich: Für mich ist sehr wichtig, dass ich einen prägnanten Anfang finde. Der muss einfach stimmig sein. Wenn ich den Einstieg gefunden habe, schreibt sich der Rest leichter. So hangle ich mich im Schreibprozess oft ohne Pause bis zum Ende durch. Das Ende muss dann gleich markant sein wie der Anfang. Danach arbeite ich intensiv am Teil zwischen diesen zwei Eckpunkten. Ich kontrolliere, ob Spannungsbögen und Aufbau stimmen und funktionieren. Zudem ist für mich die Struktur eines Textes essenziell – Titel, Übergänge und richtig und spannend gesetzte Interpunktion und Absätze. Die verständliche Sprache spielt in einem spannenden Text eine wichtige Rolle.

 

Christine Kopp, 1967, ist Expertin im Hochschulstudiengang CAS Corporate Writer (PR-Redaktor). Seit 1991 ist sie als Übersetzerin, Autorin und Redaktorin mit den Spezialgebieten Alpinismus und Tourismus tätig. Von 1994 bis 2007 war sie bei der Neuen Zürcher Zeitung Redaktorin der Alpinismusseiten. Heute arbeitet sie freiberuflich für zahlreiche Medien, Firmen und Verlage in der Schweiz, Deutschland, Österreich und Italien. www.christine-kopp.ch

 

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