«Nicht jeder Satz ist ein Patient»

«Nicht jeder Satz ist ein Patient»

Annette Häcki ist Absolventin der Schreibwerkstatt und weiss, wie sie einen Text behandeln muss. Sie heilt «kranke» Sätze. Die Checkliste aus der Schreibwerkstatt hilft ihr dabei, die richtige Diagnose zu stellen.

Interview: Ralph Kohler, Schweizerische Text Akademie, 16.07.2012

Text Akademie: Sie sind Texterin und Leiterin Kreation bei Rod Kommunikation. Wo und wie wenden Sie die Erkenntnisse aus der Schreibwerkstatt in Ihrem Berufsalltag an?

Annette Häcki: Wenn sich ein Text beim Durchlesen nicht gut anhört und ich nicht herausfinde, woran das liegt, dann hilft mir die Checkliste weiter. So überprüfe ich Punkt für Punkt verschiedene Merkmale des Textes. Es ist ähnlich wie in der Medizin: Die Checkliste leistet für einen Text dasselbe, wie die Überprüfung der Vitalfunktionen bei einem Patienten. So kontrolliert der Arzt, was dem Patienten fehlt. Dabei überprüft der Arzt nicht immer alle Funktionen. Er überprüft bei einem gesunden Menschen nie, ob sein Herz noch schlägt. Und ebenso unnötig ist es, beim Schreiben jeden Satz mit der Checkliste zu analysieren. Oder anders gesagt: Nicht jeder Satz ist ein Patient.

Text Akademie. Die Schreibwerkstatt vermittelt das verständliche Schreiben. Weshalb ist es für Sie wichtig, dass Ihre Texte verständlich geschrieben sind?

Annette Häcki: Wegen Missverständnissen sind bereits Kriege ausgebrochen. Ich denke nicht, dass meine Worte jemals einen Krieg provozieren werden. Doch jeder Text soll eine Botschaft vermitteln. Können die Leser die Botschaft nicht entschlüsseln, verstehen sie diese nicht. Oder noch schlimmer: Sie missverstehen die Botschaft. Vor allem in der PR lösen solche fehlgeleiteten Botschaften schnell ein Kommunikationschaos aus.

Text Akademie: Haben Sie einige der Verständlichkeitsregeln schon vor dem Unterricht gekannt und angewendet?

Annette Häcki: Ja. Nicht als durchnummeriertes Regelwerk, aber als Grundprinzipien des Schreibens. Wolf Schneider ist so ein Pionier, der schon Bücher darüber verfasst hat. Ein paar davon habe ich schon vor der Schreibwerkstatt gelesen.

Text Akademie: Prof. Dr. Ivo Hajnal und Franco Item machen die Erfahrung, dass die Studierenden mit der Zeit die Verständlichkeitsregeln automatisch anwenden. Im Prinzip wie das Kuppeln, Bremsen und Gas geben beim Autofahren.

Annette Häcki: Ja, das ist tatsächlich so. Mit der Zeit – und vor allem durch viel üben – werden die Verständlichkeitsregeln automatisiert. Es schadet zwar nicht, die einzelnen Regeln von Zeit zu Zeit wieder nachzuschlagen, um sie aufzufrischen.

Text Akademie: Sie haben in der Schreibwerkstatt mit dem Studienbuch «Schreiben und Redigieren – auf den Punkt gebracht!» gearbeitet. Wie hat das Buch Ihre Ansicht vom verständlichen Schreiben verändert, respektive mitgeprägt?

Annette Häcki: Die im Studienbuch aufgelisteten Verständlichkeitsregeln sind bereits bekannt. Sehr hilfreich finde ich jedoch, dass die Regeln in Themenfelder angeordnet sind und ich sie dadurch als Checkliste nutzen kann. Das erlaubt mir, einen Text anhand objektiver Kriterien systematisch zu überarbeiten. Ich schreibe nur selten für mich selbst. Meistens sind die Texte für Kunden. Durch die Schreibwerkstatt habe ich objektive Argumente, weshalb ihr Text auf die Weise verständlich ist, wie ich ihn geschrieben habe.

Annette Häcki ist Texterin und Leiterin bei Rod Kommunikation. Vorher arbeitete Sie als Texterin bei der Werbeagentur Contexta und bei Crafft Kommunikation. Sie hat Theaterwissenschaften studiert und die Schreibwerkstatt mit dem Prädikat «mit sehr gutem Erfolg» absolviert.

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